Die schwarze Frau (Rezension)

Eine ambitionslose Journalistin, ein verfallenes Internat am Bezirksrand und eine lange vergessene Mädchenleiche in dessen Brunnenschacht. Simone St. James‘ neuer Roman Die schwarze Frau verspricht eine schaurige Wahrheit, die niemals ans Tageslicht hätte kommen sollen.

Mitten im Leben und doch vorbei

Vermont, USA, 2014: Fiona Sheridan ist eine freie Journalistin in ihren Mittdreißigerin, die sich mit verwaschenen Lifestyle-Artikeln im Lively Vermont über Wasser hält. Ihren Ehrgeiz hat sie schon vor 20 Jahren einbüßen müssen, als ihre damals nur wenig ältere Schwester Debby unweit des verfallenen Mädcheninternats tot aufgefunden wurde. Ein Täter war in Tim Christophers, ein verwöhnter Spross der lokalen Elite, trotz gewisser Zweifel schnell gefunden. Nichtsdestotrotz zerbrach Fionas Familie an diesem Unglück. Einzig zu ihrem Vater pflegt sie noch ein näheres Verhältnis, dessen beruflichen Fußstapfen sie zwar folgt, aus dessen Schatten sie aber nicht herauszutreten gedenkt.

Nun soll das gleichermaßen verhasste wie unheimliche Internat wieder aufgebaut werden. Als die Bauarbeiter aber eine Mädchenleiche aus den 50igern zu Tage fördern, kochen in Fiona alte Emotionen wieder hoch: Wem ist das Fräulein damals zum Opfer gefallen? Warum wurde der Täter nie gefasst? Und wichtiger noch: Hätte vielleicht sogar der Mord an ihrer Schwester verhindert werden können?

Ihre Recherchen zu Debbys Tod ergeben zudem erste Ungereimtheiten zum vermeintlichen Tathergang. Vor was hat die ehemalige Lehrerin des Internats Idlewild Hall, Sarah London, solche Angst? Und wer ist diese Mary Hand, von der in den alten Idlewild-Schulbüchern die Rede ist?

Spurwechsel

Vermont, USA, 1950: Katie Winthrop ist eine intelligente Teenagerin, doch dank ihrer rebellischen Ader haben ihre Prestige süchtigen Eltern sie nach Idlewild Hall abgeschoben. Ein ähnliches Los ereilte auch ihre Zimmergenossinnen Roberta, Cecilia und Sonia. Sie alle waren irgendwann irgendwem ein Dorn im Auge. Ihr Leben im Internat ist hart und entbehrungsreich, doch die vier Freundinnen helfen einander, wann immer es möglich ist. Aber der Einen, die sich in den einsamen Stunden in den Schatten regt und dir das Blut in den Adern gefrieren lässt, sind sie allesamt schutzlos ausgeliefert…

„Mary Hand, Mary Hand, tot in ihrem dunklen Grab. Sagt, sie will deine Freundin sein. Lass sie niemals wieder rein!“

Verfasserin unbekannt, Randnotiz, in: Oberstes Schulbuch (Latein) des Bücherstapels im Spezialarrest-Raum von Idlewild Hall, 1950, S.?

Eine gelungene Komposition

Während die Handlung um Fiona zu Beginn des Romans eher schwermütig vor sich dahinplätschert und nur langsam an Fahrt aufnimmt, werden wir kapitelweise abwechselnd auch ins Idlewild Hall der 1950er geworfen. Dort lernen wir nacheinander Kathie und ihre Freundinnen kennen. Wir erhalten einen flüchtigen Einblick in ihren streng geregelten Alltag, freuen uns mit ihnen über ihre kleinen Erfolge und fiebern mit, wenn sie von Mary Hand heimgesucht werden.

Besonders innovativ empfand ich dabei die seit 1919 im Internat benutzten und aus Kostengründen bis in die 1950er niemals ausgetauschten Lehrbücher. In diesen hinterließen nicht nur mehrere Generationen an Idlewild-Mädchen sukzessiv ihre Randnotizen zu Schulaufgaben, sondern schrieben auch ihre Erlebnisse mit Mary Hand nieder. Somit schufen die sie über die Jahrzehnte hinweg unbewusst ein Manifest zeitgenössischer Augenzeugenberichte, das für die Nachwelt erhalten blieb. Wow!

Je weiter sich schließlich Fionas Recherchen dem Leben und Leiden der vier Mädchen annähert, desto größer werden auch die Abstände zu jenen Passagen, in denen wir wieder ins Jahr 1950 springen dürfen. Der Wechsel ist dabei recht geschickt eingefädelt: Das Handeln der Protagonistin wird zumeist mit einem kleinen Cliffhänger unterbrochen, während sich der in der Vergangenheit angesiedelte Erzählstrang in abgeschlossenen Episoden präsentiert. Auf diese Weise wird den etwas drögen  Recherchen der Protagonistin nicht nur Leben und Mitgefühl eingehaucht, sondern regt uns auch zu eigenen Überlegungen an. Daher sind Katie und Co. für mich die eigentlichen Heldinnen dieses Romans. Vielleicht liegt hierin auch der Umstand begründet, dass die Geschichte zum Finale hin einen Großteil seines anfänglichen Zaubers einbüßt.

Davon abgesehen sind Wortwahl und Syntax lesefreundlich gewählt und präsentieren den Inhalt angemessen. Zu keinem Zeitpunkt schlägt die Autorin verbal über die Stränge, wenngleich Themen wie Mord, versuchte Vergewaltigung, Drogen und Sex beiläufig thematisiert werden. Orthografie und Layout sind bis auf wenige Kleinigkeiten ebenfalls wünschenswert ausgeführt.

Fazit

Im Schauerroman Die schwarze Frau möchte Simone St. James einer typischen Spukgeschichte ihren eigenen Stempel aufdrücken, ohne dabei in althergebrachte Klischees abzudriften. Die im Leben früh gescheiterte Protagonisten Fiona verliert leider mit Fortlauf der Handlung zunehmend an Reiz. Zu meiner Überraschungen sind es gerade die vier Idlewild-Mädchen, die mir wider Erwarten schnell ans Herz wachsen. Indem sie sich tagtäglich ihren innersten Ängsten stellen müssen und auf diese Weise Charakterstärke beweisen, lassen sie in mir die Hoffnung erwachsen, dass die Protagonistin nach all den Jahren das Geheimnis lüftet und die Geschichte – im wahrsten Sinne des Wortes – endlich zu einem Abschluss bringt. Insgesamt handelt es sich bei Die schwarze Frau um seichten Horror mit Gänsehaut-Ambiente, der mir trotz einiger Unpässlichkeiten recht gut gefallen hat.   

Buchtitel: Die schwarze Frau

Autorin: Simone St. James

Verlag: Goldmann

Buchseiten: 448 Seiten

ISBN: 978-3-442-48822-3

Das Beitragsbild ist das Buchcover. Alle Bildrechte liegen beim Goldmann Verlag.

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