Europäische Geistergeschichten: Das Phantom der Oper

Der Roman “Das Phantom der Oper” von dem französischen Journalisten Gaston Leroux ist auch vielen bekannt, die wenig mit Literatur oder Opern anfangen können. Tatsächlich beruht der Roman auf einer angeblichen wahren Begebenheit, die sich in Paris in der Oper Garnier abgespielt haben soll.

Die lange Bauphase der Oper Garnier

Unter dem Baumeister Charles Garnier wurde das Opernhaus von 1860 bis 1875 erbaut. Das Bauwerk ist aufgrund seines neobarocken Stils geradezu einzigartig. Außerdem entschied sich der Baumeister dazu, die Zuschauer in Hufeisenform um die Bühne zu drapieren. Dadurch war zwar die Sicht auf die Bühne von den Flanken her beeinträchtigt, aber so konnte das Publikum genau sehen, wer auch an dem gesellschaftlichen Ereignis teilnimmt.

Der Bau des Gebäudes war allerdings schwieriger als es sich der Baumeister zunächst vorgestellt hatte. Unter dem ausgewählten Bauplatz verlief eine unterirdische Wasserader. Mit acht Dampfpumpen und zwei gewaltigen Caissonwänden versuchte er, sein künftiges Bauwerk vor Wasserschäden zu schützen. Kurzzeitig ließ sich der unterirdische Wassergang sogar tatsächlich austrocknen, doch mit der Fertigstellung des Kellers kehrte es zurück und bildet seitdem einen See direkt unter der Oper. 

Eine weitere Herausforderung ereignete sich 1870 durch den Deutsch-Französischen Krieg. Die Bauarbeiten wurden vorerst eingestellt und der unfertige Bau mit seinen verwinkelten Keller- und Lagerräumen wurde von der Pariser Kommune als Lager für Waffen genutzt. Später sollte sich anhand von Skelettfunden verscharrter Leichen herausstellen, dass das Gewölbe ebenfalls als Folterungs- und Hinrichtungsort genutzt wurde.

Am Ende wurde die Oper jedoch zu einem prachtvollen Gebäude, welches mit seinen riesigen Empfangssälen und Salons nicht nur für den Opernbesuch gedacht war. Noch heute besitzt das Opernhaus über 2.500 Türen und wurde damals mit beinahe 1.000 Gaslampen beleuchtet.

Die Legende des Operngeistes 

Trotz seines letztendlich recht prunkvollen Erscheinungsbildes ereignet sich bereits bei seiner ersten Aufführung etwas Ungewöhnliches. Während das Publikum seiner Zeit dem Bühnenspiel gespannt folgte, drangen mysteriöse Geräusche aus dem Untergrund. Diese Geräusche sollten künftig das Theater bei weiteren Aufführungen begleiten. Am 20. Mai 1896 folgte dann ein Unglück, welches Zuschauer und Darsteller zutiefst erschütterte: Das Gegengewicht eines Kronleuchters löste sich und erschlug die 56-jährige Concierge Madame Chomette, die angeblich auf Platz 13 saß.

Kurz darauf verbreitete sich das Gerücht über den Operngeist. Dazu trug auch das Grundwasserbecken unter dem Gebäude, welches regelmäßig abgepumpt werden musste, bei. In den Vorstellungen der Leute befuhr das Phantom der Oper die unterirdische Wasserstraße mit einer Barke, um sich fortzubewegen. 

Während seines Aufenthalts in Paris soll Gaston Leroux mit einigen Augenzeugen gesprochen haben, die davon berichtet hätten, dass in der Oper immer wieder ein dunkler Schatten durch die Gänge streift und schließlich immer in Richtung der Katakomben verschwindet. Auch lässt es sich Leroux in seinem Roman nicht nehmen, darauf hinweisen, dass die Geschichte auf wahren Begebenheit beruht. 

Doch auch bei wahren Begebenheiten lassen es sich insbesondere Schriftsteller nicht nehmen, diese kreativ zu interpretieren. Dementsprechend sind die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion mehr als nur ausgereizt.

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