Tote Titanen, erwacht! (Rezension)

Im letzten Jahr, also 2020, überraschte der Festa-Verlag mit der Ankündigung, den kosmischen Horror mittels der neuen Bücherreihe H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens – LIMITED wiederzubeleben. Den Auftakt bildeten hierbei Die Dunwich-Romane von Edward Lee und Tote Titanen, erwacht! von Donald Wandrei, beide jeweils ohne ISBN und auf 999 Exemplare limitiert.

Edward Lee ist beim Festa Verlag vor allem durch namhafte Veröffentlichungen im Bereich „Festa Extrem“ vielsagend häufig vertreten ist. Allerdings bediente er bisher vorrangig ein Genre, dem ich nur wenig abgewinnen kann. Daher entschloss ich mich, mich Donald Wandrei zu widmen, der seiner Zeit zusammen mit August Derleth den Arkham House Verlag gründete, um die Arbeiten Lovecrafts zu publizieren.

Die Ursprungsversion seines Romans Dead Titans, Waken! fasste Wandrei schon 1932 ab, veröffentlichte ihn aber erst erst 1948 in einer stark überarbeiteten Version. Außerdem machten Titel und Cover des Buchs definitiv Lust auf mehr. So blieb nur noch eine Frage offen: Steht die in neuem Gewand wiedereröffnete Reihe kosmischen Schreckens unter einem guten Stern?

Das Unglück von Ischling

Während seiner allmorgendlichen Routine sticht dem Archäologen Carter E. Graham ein unscheinbarer Artikel ins Auge: Offenbar ereignete sich in Ischling, einem 400-Seelen-Örtchen unweit von Stonehenge, ein grausiger Unfall, bei dem eine junge Familie unter zweifelhaften Umständen ums Leben kam und ihm nun keine Ruhe mehr lässt. Vom Forscherdrang längst vergangener Tage eingeholt, sammelt der Archäologe seine rudimentäre Grabungsausrüstung zusammen und bricht kurzerhand zu der nur wenige Reisestunden entfernten Siedlung auf. Vor Ort angekommen, zieht es ihn instinktiv zum verlassenen Friedhof, um den sich allerlei zwielichte Mythen und Sagen ranken.

Und dort zwischen den überwucherten Grabsteinen längst vergangener Jahrhunderte findet Graham das Unerwartete: eine groteske, sich in Form und Konsistenz windende Statuette, die sich allen Naturgesetzen zu widersetzen scheint. Vielleicht ist sie der fehlende Beweis seiner längst aufgegeben Forschungen? Doch zu diesem Zeitpunkt ahnt Graham noch nicht, dass er die Aufmerksamkeit von etwas Uraltem jenseits der Sterne erregt hat…

Auf die alten Tage

Der Protagonist Carter E. Graham ist ein schon etwas in die Jahre gekommener Archäologe, der sein akademisch geprägtes Dasein als eigenbrötlerischer Professor fristet. Früher einmal, als er noch am Beginn seiner entdeckungsreichen Laufbahn stand, beschäftigte er sich mit den großen Mysterien der Menschheitsgeschichte: Woher kommen wir? Sind wir wirklich nur einem kosmischen Zufall entsprungen? Oder steckt da vielleicht doch mehr dahinter?

Von diesen Gedanken beflügelt, bereiste er seiner Zeit das Land der Pharaonen, Tibet, die Osterinsel, Stonehenge und auch viele andere Orte. Dort suchte er nach potenziellen Gemeinsamkeiten zwischen all jenen megalithisch geprägten Kulturen dieser Welt. Doch mit jeder Antwort, die er zu fassen glaubte, taten sich unzählige neue Fragen auf, sodass er sich in verworrenen Hypothesen fernab jeglicher Faktengrundlage zu verlieren drohte. Um seiner selbst willen musste er es letztlich dabei bewenden lassen. Aber die jüngsten Ereignisse in Ischling entfachten in ihm wieder eine Glut, von der er glaubte, dass sie längst erloschen sei.

Kompositionelle Befremdlichkeiten

Das Unglück von Ischling, in das die Lesenden im Gegensatz zum Protagonisten Graham zu Beginn des Romans zumindest teilweise eingeweiht werden, bietet einen fulminanten Einstieg in die Erzählung, erinnert das Geschehene doch an die Altmeister kosmischen Horrors selbst und setzt die Messlatte entsprechend hoch an.

Jedoch beginnt die eigentliche Handlung erst danach mit der Inszenierung des Professors erwartungsgemäß ruhig, driftet dann aber alsbald in surreale Traumsequenzen ab, die das anfänglich suggerierte Tempo nicht wieder aufgreifen können. Im Weiteren Fortlauf der Handlung werden schließlich Geheimnisse entschlüsselt und außergewöhnliche Orte entdeckt, die zwar allesamt interessant und teilweise sogar spannend präsentiert sind, aber das ebenfalls anfängliche Gefühl von Gänsehaut vielfach missen lassen.

Dabei wird immer wieder die existenzielle Frage nach dem Ursprung des Lebens und in der Konsequenz auch die Frage nach seinem Sinn aufgeworfen. Analytisch und teils unter philosophischen Gesichtspunkten wird hier durchaus wortgewaltig versucht, sich in Anbetracht der vorliegenden Entdeckungen Grahams der Antwort mit der höchsten Wahrscheinlichkeit anzunähern – ein ebenfalls recht interessanter Diskurs, der allerdings dem Spannungsbogen nur bedingt zuträglich ist. 

Fazit

Tote Titanen, erwacht! von Donald Wandrei ist ein vergleichsweise ruhiger Abenteuerroman, in dem sich ein in die Jahre gekommener Professor im Angesicht einer kosmischen Bedrohung ungeahnten Ausmaßes zu behaupten versucht. Gerade die Perspektive des berechnenden Archäologen, der ein Jahrtausende altes Rätsel zu lösen versucht, scheint für mich maßgeschneidert zu sein, selbst wenn sie sonstige Sympathien missen lässt.

Doch auch wenn die Erzählung wirklich spannend und ein wenig gruselig beginnt, kann sie der so geweckten Erwartungshaltung im weiteren Verlauf mit ihren unsäglichen Längen leider nicht mehr gerecht werden, was in mir gemischte Gefühle zurückließ. Vielleicht hätte man seitens des Festa Verlags lieber die überarbeiete Version übersetzen sollen als sich der Ursprungsversion zu widmen. Wer weiß.

Nichtsdestotrotz bietet Tote Titanen, erwacht! von Donald Wandrei ein durchaus solides Leseerlebnis. Jedoch empfehle ich, sich von der Vorstellung zu lösen, ein eher „traditionelles“ Werk kosmischen Horrors vor sich zu haben, wie es die dazugehörige Buchreihe vielleicht suggerieren mag. Ansonsten kann es passieren, dass man – so wie ich – mit dem Werk einfach nicht so richtig warm wird.

Titel:  Tote Titanen, erwacht!
Autor: Donald Wandrei
Verlag: Festa
Buchseiten: 288 Seiten
ISBN: ohne

Das Titelbild ist ein Ausschnitt des Buchcovers der gleichnamigen Publikation. Alle Bildrechte liegen beim Festa Verlag.

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