Der Wendigo

Der Wendigo ist ein mystische Wesen, welches uns vor allem im Horrorgenre immer mal wieder als Antagonist begegnet. Doch was ist das eigentlich? Wo kommt es her? Und wie sehen die historischen Quellen dazu aus? Im Folgenden möchten wir euch einen kleinen Einblick geben.

Indianisches Kulturgut

Der Wendigo entstammt der Folklore der amerikanischen Ureinwohner. Genauer gesagt:  Er ist Teil der Glaubensvorstellungen der Anishinabe-Kultur, die in der Zeit vor den Konkistadore im Nordosten des Kontinents die Regionen um die Großen Seen besiedelten. Sein Wesen ist im Rahmen der einzelnen Stämme (Ojibwe, Saulteaux, Cree, Naskapi und Innu) unterschiedlichst überliefert. Dennoch handelt es sich stets um eine übernatürlich Kreatur oder eine Art rachsüchtigen Geistes, der von den Menschen Besitz ergreift und sie in einen kannibalistischen Wahn verfallen lässt. Es steht in enger Beziehung zu Winter, Hunger und Tod.

„Der Wendigo war bis aufs Äußerste ausgezehrt, seine ausgetrocknete Haut zog sich fest über seine hervortretenden Knochen. Mit seiner dem Tod gleichenden, aschgrauen Hautfarbe und seinen tief in die Höhlen zurückgezogenen Augen sah der Wendigo aus wie ein schauerliches Skelett, dass jüngst seinem Grabe entstiegen war. Unrein und an Vereiterungen des Fleisches leidend, versprühte der Wendigo einen seltsamen und  unheimlichen Geruch nach Verfall und Verwesung, nach Tod und Korruption.“

Basil Johnston (Ojibwe-Lehrer und Gelehrter aus Ontario), in: B. Johnston, The Manitous, New York 2001, S.221 [Übersetzung: M. Schugk]

Zudem heißt es bei den Ojibwe, Naskapi, Innu, und einigen Cree, dass der Wendigo ein den Menschen um ein vielfaches überragender Gigant sei, der von einem unstillbaren Hunger getrieben werde. Wann immer er eine Person verschlang, wuchs er sogleich um dessen Proportion an, wurde daher aber auch nie satt. Dementsprechend sei er gleichermaßen gefräßig wie abgemagert. Mit zunehmendem Alter erreichte er nicht nur eine beachtliche Größe und Stärke, sondern wurde auch mächtiger. Er vermochte sogar den Wald korrumpieren und das Wetter negativ zu beeinflussen.

Zuweilen konnten Menschen auch selbst zu Wendigos werden, wenn sie mit Letzteren in Kontakt standen oder sich von maßloser Gier überwältigen ließen. Im Umkehrschluss sollte der Glauben an ihn die Indianer zu Kooperation und Mäßigung ermutigen.

Neben seiner Erscheinung als Monstrosität verstanden einige Ureinwohner Amerikas das Konzept des Wendigos ebenso als Metapher: Der Wendigo konnte in jedweder Person, Idee oder Bewegung diagnostiziert werden, die mit einem (selbst-)zerstörerischen Drang zu Gier und übermäßigem Konsum infiziert war – Wesenszüge, die Disharmonie und Zersetzung säen, insofern sie unbehandelt blieben. Folglich war der Wendigo ein Symbol der Korruption und des Werteverfalls.

Historische Quellen

In historischen Dokumenten ist hingegen von der vermeintlichen „Wendigo-Psychose“ die Rede. Dabei handelt es sich um den krankheitsnahen Zustand eines Menschen, der von geistiger Umnachtung betroffen ist und kannibalistischen Neigungen unterliegt. In diesem Zusammenhang haben insbesondere die beiden folgenden Fälle eine gewisse Berühmtheit erlangt:

(1) Der Trapper „Swift Runner“ (zu deutsch: Schneller Renner) tötete im strengen Winter von 1878 seine gesamte Familie. Danach verköstigte er sich an seinen Opfern. Die Tat ereignete sich nur 25 Meilen von einem Notrationen-Lager des Hudson’s Bay Company. Daher schrieb man Swift Runners Verhalten nicht einfach nur der Hungersnot zu, sondern verwies auf die Wendigo-Pyschose. Der Indianer gestand letztendlich seine Tat und wurde in Fort Saskatchewan hingerichtet.

(2) Der Oji-Cree Häuptling und Medizinmann Jack Fiddler war bekannt für sein Wissen um den Wendigo. Seine zeremoniellen Austreibungen umfassten zuweilen auch das Töten von Mitmenschen, die von der Wendigo-Psychose betroffen waren. Daher wurden sein Bruder und er 1907 wegen Totschlags von der kanadischen Obrigkeit festgenommen. Jack begann wenig später Selbstmord.

Einfluss auf die Popkultur

Auch wenn sie sich von der traditionellen Überlieferung entfernen, wird die Vorstellung des Wendigos erstmals in Algernon Blackwoods Kurzgeschichte The Wendigo (1910) verarbeitet. Mit seiner Arbeit beeinflusste er viele nachfolgende Autoren des Horrorgenres. Zu nennen sind hierbei vor allem August Derleths Beitrag zum Cthulhu-Mythos „The Thing that Walked in the Wind“ (1933) und „Ithaqua“ (1941), sowie Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ (1983).

Insgesamt ist der Wendigo die indianische Manifestation von körperlichem und geistigem Verfall, die ihr Umfeld zunehmend korrumpiert oder infiziert, wenn sie nicht bekämpft wird. Sie steht in direkter Verbindung mit den existentiellen Ängsten der Ureinwohner: Winterkälte, Hungersnot und Tod.

Das Beitragsbild stammt von der Seite Pixabay.

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