Wir haben schon immer im Schloss gelebt (Rezension)

Die amerikanische Autorin Shirley Jackson nimmt uns in ihrem Roman „Wir haben schon immer im Schloss gewohnt“ in die zauberhafte wie gefährliche Stimmungswelt der jungen Merricat Blackwood mit, die alles Erdenkliche unternehmen wird, um ihre geliebte Schwester zu beschützen.

Das Schloss

Das Anwesen der Blackwoods mit seinem imposanten Wohnhaus liegt etwas abseits der vergleichsweise tristen Dorfkulisse. Die ortsansässige Familie Blackwood verbringt ihr Leben dort vorzugsweise unter sich. Seit dem heimtückischen Mordanschlag mittels Arsen vor sechs Jahren besteht die Familie jedoch nur noch aus Mary Katherine (samt Kater Jonas), ihrer Schwester Constance und ihrem Onkel Julian. 

Lediglich an Dienstagen und Donnerstagen nimmt die Jüngste von Ihnen, Mary Katherine, ihren Mut zusammen, um im Dorf all jene Lebensmittel einzukaufen, die Constances Garten nicht hergibt. Und so sind es auch die Dienstage und Donnerstage, an denen sie die Missgunst und die Schikanen der Dörfler erdulden muss. Sei es nun aus Neid auf ihr Vermögen, dem Unverständnis gegenüber ihrer Zurückgezogenheit oder gar die Angst vor dem bisher nicht gefassten Familienmörder – das Mädchen bekommt es jedes Mal aufs Neue zu spüren.

Doch abseits der leidlichen Einkaufstouren trauen sich die Dörfler nicht aufs Anwesen. Dafür hat Mary Katherine gesorgt: Der Zaun wird von ihr instand gehalten. Das große Tor bleibt verschlossen. Und vermeintlich schützende Zauberformeln sind – zumindest in ihrer Vorstellungskraft – intakt. Doch die fortwährende Idylle auf dem Anwesen wird jäh unterbrochen, als Cousin Charles von weit her anreist und sich mit seinem flegelhaften Verhalten breitzumachen droht. Indes verfolgt er seine ganz eigenen Interessen, die Mary Katherine immer extremere Gegenmaßnahmen abverlangen…

Die Außenseiter

Mary Katherine, liebevoll auch Merricat genannt, ist mit ihren 18 Jahren die Jüngste der verbliebenen Blackwoods. Zusammen mit ihrem Kater Jonas ein wahrer Wildfang! Auf der einen Seite lebt sie in ihrer magiebeschaffenen Fantasiewelt, entsinnt Zaubersprüche und träumt von ihrem Versteck auf dem Mond. Auf der anderen Seite unterstützt sie ihre liebste Schwester Constance pflichtbewusst, wo immer sie nur kann, um schadhafte Einflüsse von ihr fernzuhalten. So ist es auch Merricat, die dem üblen Gerede der Dörfler trotzt und ihnen so manch grausames Verderben wünscht. Außerdem nimmt sie sich immer wieder aufs Neue vor, netter zu Onkel Julian zu sein.

Constance, die ältere Schwester, ist die Tugendhaftigkeit in Person: Sie kommt den Wünschen aller Hausbewohner stets ohne Widerworte nach, kocht, putzt, umsorgt und vieles mehr. Obwohl sie seinerzeit vom Giftmord an ihrer Familie freigesprochen wurde, traut sie sich nicht mehr das Anwesen – aus Furcht vor den Dörflern – zu verlassen.

Onkel Julian ist hingegen ein dementer Greis, der infolge des Arsenanschlags an den Rollstuhl gefesselt ist. In seinen klaren Momenten versucht er, die Erinnerung an jenen bitterlichen Tag wachzuhalten und niederzuschreiben. Wenn nicht er, wer sonst?

Und dann ist da noch Cousin Charles. In seinem Verhalten gleicht er mehr den verhassten Dörflern als den hiesigen Blackwoods – ein Störenfried, der um jeden Preis entfernt werden muss, wenngleich sich Constance von ihm beeinflussen lässt…

Meisterlich und ausdrucksstark

Die Autorin nimmt sich von Beginn an die notwendige Zeit, um vor allem Merricat und ihre gleichermaßen fantasievolle wie verschrobene Wahrnehmung der Umwelt in den Vordergrund zu stellen und uns, die Leser, unweigerlich auf ihre Seite zu ziehen: Ihr mit kindlicher Leichtigkeit erfülltes Wesen hält noch immer an der Wirkung eigens erdachter Zauber fest, deren selbstverständliches Praktizieren für Außenstehende wie psychische Auffälligkeiten eines verwilderten, bildungsfernen Kindes wirken müssen. Zumal sie mit ihrem tierischen Begleiter, dem Kater Jonas, und ihrem Wissen über teils giftige Pflanzen und Pilze noch ganz andere Vorurteile bedient.

Und so lernen wir durch ihre Augen die wundervoll anmutende Constance kennen, den emotionalen Dreh- und Angelpunkt der seit jeher von Verlustängsten geprägten Merricat. Constance kümmert sich wiederum behutsam und mit einer Engelsgeduld um Onkel Julian, dessen geistiger Zustand zu jeder Zeit glaubhaft herausgearbeitet ist und seinen ganz eigenen Charme besitzt.

Wider Erwarten

In diesem Sinne tröpfelt die gemächlich wirkende Handlung vor sich hin, bis die familiäre Idylle mit dem Auftreten von Cousin Charles aufgewirbelt wird. Doch auch wenn der ungeklärte Familienmord, die missgünstigen Dorfbewohner und die ausgeprägten Tötungsfantasien Mary Katherines wie eine Gewitterwolke bedrohlich am Horizont grollen, so bleibt der zu erwartende, wenn nicht sogar sehnlichst herbeigewünschte Sturm leider aus.

Und so gleicht das Werk vielmehr einem ausgefeilten, ja vielleicht sogar emanzipatorischen Familiendrama im Spiegel seiner Zeit (Erstpublikation 1962) mit viel Liebe zum Detail und einem innovativen Ende statt einem schaurigen Psychothriller, wie man vielleicht hätte erwarten wollen.

Fazit

Die Autorin Shirley Jackson webt in ihrem Roman „Wir haben schon immer im Schloss gewohnt“ ein gekonnt stimmungsvolles Bild der Familie Blackwood, in der verschiedene Welten aufeinanderprallen: wohlhabend vs. einfach, abgeschieden vs. integriert, liebevoll vs. abschätzig, fantasievoll vs. real. Von der ersten Seite an begleiten uns verschiedene Ängste der Familie Blackwood fortwährend, die zu jederzeit zu einer echten Bedrohung hochkochen können.

Nichtsdestotrotz bleibt das Maß an aufkommender Spannung überschaubar. Wer einen nervenaufreibenden Thriller erwartet, wird hier vergebens suchen. Wer jedoch nach einem rhetorisch wunderbar austarierten Familiendrama mit einer außergewöhnlichen Protagonisten Ausschau hält, wird mit Shirley Jacksons Werk seine Freude haben.

Titel:  Wir haben schon immer im Schloss gelebt
Autorin: Shirley Jackson
Verlag: Festa
Buchseiten: 256 Seiten
ISBN: 978-3-86552-709-7

Das Titelbild ist Teil des Buchcovers der gleichnamigen Publikation. Alle Bildrechte liegen beim Festa-Verlag.

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