Haiangriffe an der Küste von New Jersey (1916) – Die wahre Geschichte des weißen Hais

Während in Europa der Erste Weltkrieg tobt, sehen sich die Einwohner der Küstenstadt New Jersey einer ganz anderen Gefahr ausgesetzt. Im Meer lauert der Tod! Vom 1. bis zum 12. Juli 1916 werden vier Personen an der Küste von New Jersey von Haien getötet.

Haiangriff an der Küste New Jerseys – so oder so ähnlich lauteten im Sommer 1916 die Schlagzeilen der großen Zeitungshäuser der USA. Bedeutende Blätter wie die Washington Post oder der Boston Herald berichteten über eine Serie von Haiangriffen, die nicht nur vier Menschen das Leben kostete, sondern auch einschlägige Grundlage für Literatur und Film werden sollte. Letztere  prägten unsere Wahrnehmung dieses Lebewesens bis heute nachhaltig. Doch was ist damals wirklich passiert?

Es war ein heißer Sommer im Jahr 1916. Die amerikanische Ostküste litt unter einer gnadenlosen Hitzewelle. Daher zog es auch die viele Menschen New Jerseys auf der Suche nach Abkühlung ans blauen Meer. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts galt Baden vermehrt als beliebte Freizeitbeschäftigung und so herrschte dichtes Gedränge an den Stränden.

Ausgerechnet in dieser Hochphase der Badesaison geschieht etwas, das so schrecklich wie selten ist – eine Serie von Haiangriffen. In nicht mal zwei Wochen ereignen sich drei Vorfälle entlang der Küste von New Jersey, die insgesamt vier Todesopfer fordern.

4 Tote in 12 Tagen – Die Angriffe

1. Angriff: 1. Juli 1916, Beach Haven

Der erste Angriff ereigneten sich am Samstag, dem 1. Juli, rund um Beach Haven, einem Ferienort der Insel Long Beach Island. Der 25-jährige Charles Epting Vansant wollte vor dem Abendessen eigentlich nur noch eine Runde schwimmen gehen. Bereits nach kurzer Zeit erregten Schreie die Aufmerksamkeit eines Bademeisters und Vansant wurde aus dem Wasser gezogen. Er hatte schwere Verletzungen davon getragen, die einen Haiangriff vermuten ließen. Der junge Mann erlag wenig später seinen Verletzungen.

2. Angriff: 6. Juli 1916, Spring Lake

Am Donnerstag, dem 6. Juli 1916,  ereignete sich der zweite Angriff. Gute 72 km weiter nördlich des Badeortes Spring Lake ging der ehemalige Soldat Charles Bruder trotz der Warnung zweier Rettungsschwimmer ins Wasser. Er hatte bereits Erfahrung im Umgang mit Haien gesammelt und war fälschlicherweise davon überzeugt, dass diese vor Schwimmern fliehen würden.

Er war 120 m vom Strand entfernt, als sich ein Hai in der rechten Seite seines Unterleibs verbiss und auch seine beiden Beine auf Kniehöhe abriss.

3. Angriff: 12. Juli 1916, Matawan Creek

Die nächsten Angriffe ereigneten sich nur wenige Tage später in Matawan Creek in der Nähe von Keyport. In einem Fluss entdeckte man einen 2,40 Meter langen Hai, der den Jungen Lester Stillwell in die Tiefe zog. Die Freunde von Stillwell holten sofort Hilfe. In Folge dessen suchte der 24-jährige Watson Stanley Fisher in dem Fluss nach dem Jungen und wurde ebenfalls von dem Hai angegriffen. Obwohl Stanley Fisher noch in ein Krankenhaus gebracht wurde, verblutete er im Laufe des Spätnachmittags. Später fand man die Leiche des jungen Stillwell 46 Meter stromaufwärts.

Nur 30 min nach dem vierten Angriff ereignete sich der fünfte und letzte. Eine halbe Meile vom Wyckhoff Dock entfernt wurde der 14-jährige Joseph Dunn von dem (oder einem anderen ) Hai attackiert, konnte jedoch von seinem Bruder gerettet werden.

„Tod nach Fischattacke“: Die Berichterstattung

Nach dem ersten Angriff hatten sowohl Wissenschaftler als auch die Presse nur zögerlich den Tod von Charles Vansant einem Hai zugeschrieben. Die New York Times schrieb unter der Schlagzeile „Tod nach Fischattacke“  beispielsweise über den Tod von Vansant, dass er Bissverletzungen durch einen Fisch, möglicherweise durch einen Hai, erlitten habe.

Der zuständige State Fish Commissioner von Pennsylvania versicherte in der Zeitung Philadelphia Public Ledger, dass der Haiangriff durch eine Verwechslung zustande kam:

„Trotz des Todes von Charles Vansant und des Berichtes, dass zwei Haie in der Nähe des Unglücksortes gefangen wurden, bin ich der Überzeugung, dass es keinerlei Anlass dafür gibt, dass Personen aus Furcht vor Menschenfressern nicht am Strand schwimmen gehen sollten. Die Informationen über Haie sind sehr umfangreich und ich glaube nicht, dass Vansant von einem Menschenfresser attackiert wurde. Vansant spielte in der Brandung mit einem Hund und es war vermutlich so, dass während der Flut ein kleinerer Hai in diesen Bereich gelangte und es ihm nicht gelang, vor dem Einsetzen der Ebbe wieder ins offene Meer hinauszuschwimmen. In seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt und hungrig griff der Hai den Hund an und erwischte den Mann nur versehentlich.“

– James M. Meehan, State Fish Commissioner

100 Dollar Kopfgeldprämie – Die Jagd

Nach dem zweiten Angriff waren die Berichte deutlich expliziter. Große amerikanische Zeitungen wie der Boston Herald, die Chicago Sun-Times, Philadelphia Inquirer, Washington Post und der San Francisco Chronicle berichteten auf der ersten Seite über die Angriffe und nannten bereits in der Überschrift den Hai als das angreifende Tier.

Nachdem einige Haie gesichtet wurden, patrouillierte man mit bewaffneten Motorbooten, in der Hoffnung die Haie zu fangen und zu töten. Es kam sogar Dynamit zum Einsatz und es wurde eine Belohnung von 100 $ (das wären heute etwa 2.200 $) für jeden toten Hai ausgesprochen.

Als Folge der Attacken auf die Menschen wurden Hunderte von Haien gejagt und als Menschenfresser betitelt. Diese Hai-Jagd ging als eine der größten Massentierjagdten in die Geschichte ein.

Der Hai als Schreckgestalt: Einfluss durch die Medien

Nachdem Haie lange als überwiegend harmlose und wenig ernst zu nehmende Tiere galten, änderte sich diese Meinung nach diesen Angriffen rasant. Der Hai wurde zu einem eiskalten Killer, eine Fressmaschine, ein Monstrum. stilisiert

Medien trugen und tragen zu diesem Bild des Haies bei: Deutsche U-Boote, Politiker, die grassierende Polio-Epidemie sowie die Hitzewelle, die in den Städten Todesopfer forderte, wurden in Zeitungskarikaturen als Haie dargestellt.

1974 veröffentlichte der Schriftsteller Peter Benchley seinen Roman Der weiße Hai, in dem geschildert wird, wie ein Weißer Hai einen fiktiven Küstenort auf Amity Island terrorisiert. Die Angriffe von 1916 dienten ihm als Inspiration für sein Werk. Schon im nächsten Jahr erschien die gleichnamige Verfilmung von Steven Spielberg.

Zusammen mit dem zwei Jahre später erschienenen Krieg der Sterne läutete der Film die Ära des Blockbuster-Kinos in Hollywood ein und gilt bis heute als einer der besten Thriller. Er sorgte zudem für einen Boom des Tierhorror-Genres und hatte neben den offiziellen Fortsetzungen zahlreiche weitere Haifilmproduktionen zur Folge.

Killer oder Opfer?

Viele Menschen fürchten sich auch heute noch vor Haien und assoziieren diesen mit einer Meeresbestie, die gezielt Jagd auf Menschen macht. Tatsächlich sieht die Wahrheit jedoch etwas anders: Über sieben Milliarden Menschen zerstören natürlich Ressourcen der Erde und damit auch den Lebensraum der Haie. Noch immer verenden Haie als Beifang oder werden als Delikatesse vermarktet. Mehrere Arten des Haies stehen am Rand der Ausrottung und mit dem Sterben der Haie bricht das Ökosystem des Meeres zusammen.

Das Bild des bösen Hais wurde wesentlich von Steven Spielbergs Film und damit von Peter Benchley Roman geprägt. Spielbergs Horrorversion des Hais hat die Wahrnehmung der Menschen leider nachhaltig negativ geprägt und Benchley bedauerte die Auswirkung seines Romanes. Bis zu seinem Tod am 11. Februar 2006 kämpfte er aktiv für den Schutz der Haie.

Das Titelbild stammt von cocoparisienne und wurde unter der Pixabay Lizenz veröffentlicht.

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