Europäische Geistergeschichten: Der Schrecken von England

Wer das Wort Geistergeschichten hört, denkt meist an Amerika. Kein Wunder. Viele Filme werben mit „Nach einer wahren Begebenheit“. Doch auch Europa hat so manche düstere Legende. Wir begeben uns auf die Straßen von London.

Merkwürdige Vorfälle

September 1837: Ein Geschäftsmann geht während seines Heimwegs durch die dunklen Londoner Straßen. Als er gerade an einem Friedhof vorbei geht, beobachtet er, wie jemand mit Leichtigkeit die hoch aufragende Umfriedung des Friedhofs mit einem Sprung überquert. Dieser Jemand bleibt vor ihm stehen, gehüllt in einen Mantel mit spitzen Ohren und glühenden Augen.

So soll zumindest später die Beschreibung ausfallen, die der Geschäftsmann zu dem Fremden abgibt. Auch Krallen soll er gehabt haben und Feuer speien und natürlich unglaublich hoch springen. 

Nur kurz nach diesem sonderbaren Vorfall berichten vier weitere Personen von dem mysteriösen Fremden: Drei Frauen und ein Mann (in einigen Berichten auch nur drei Frauen) gehen durch die dunklen Straßen, als der Fremde sie anspringt und attackiert. Dabei ergreift er eine der Frauen, die sich aber  befreien kann, als ihr Mantel reißt. Als die Gruppe flüchten will, stolpert eine der Frauen, Polly Adams, und bleibt alleine zurück. 

Stunden später findet die Polizei das Mädchen. Sie berichtet der Polizei, dass ihr der furchterregende Fremde die Bluse aufgerissen und ihre nackten Brüste begrapscht habe. Nachdem er ihr mit seinen Klauen den Bauch zerkratzt hatte, habe er sie dann bewusstlos und blutüberströmt verletzt liegen gelassen.

Im Oktober desselben Jahres wird das Mädchen Mary Stevens auf dem Weg nach Lavender Hill angegriffen. Als sie Clapham Common durchquert, springt die Gestalt aus einer dunklen Gasse und packt sie. Nachdem ihr fester Griff Mary am Fortlaufen gehindert hat, beginnt die Gestalt, das Gesicht des Mädchens zu küssen und ihr sogleich die Kleider vom Leib zu reißen. Die Klauen, mit denen das Wesen ihren Körper berührt, beschreibt sie in ihrer späteren Aussage als “cold and clammy as those of a corpse”. Mary Stevens schreit laut auf, woraufhin jene Gestalt von ihr ablässt. Einige Bewohner eilen dem Mädchen zur Hilfe, doch die Suche nach dem Täter bleibt erfolglos. 

Bereits am nächsten Tag erfolgt der nächste Angriff. Die Gestalt springt einer vorbeifahrenden Kutsche in den Weg, wodurch der Kutscher die Kontrolle über das Fahrzeug verliert und schwer verletzt wird. Zeugen beobachten, wie die Gestalt über eine 2,75 Meter hohe Mauer springt und auf diese Weise fliehen kann.  Allmählich verbreitet sich die Nachricht von dem seltsamen Charakter, und schon bald geben ihm die Presse und die Öffentlichkeit den Namen „Spring Heeled Jack“.

Amtliche Bestätigung und Mord

Am 9. Januar 1838 wird im Mansion House, dem Amtssitz des Lord Mayor of London, eine öffentliche Sitzung wegen der Vorfälle abgehalten, um Informationen zu sammeln. Trotz der bleibenden Skepsis des Lord Mayors bestätigt ein Mitglied der Zuhörerschaft, dass „etliche Mädchen in Kensington, Hammersmith und Ealing schreckliche Geschichten über diesen Geist oder Teufel erzählen“.

Der Lord Mayor selbst hält die Angelegenheit für übertrieben, trotzdem will er, dass die Leute, die für diesen “Schabernack” verantwortlich sind, ins Gefängnis kommen. Eine spezielle Polizeieinheit wird gegründet, um die Verantwortlichen für die Angriffe zu fangen, und Belohnungen werden ausgesetzt. Doch Springer-Jack lässt sich nicht einschüchtern, stattdessen häufen sich die Vorfälle.

1845 haben die Angriffe von Jack sogar tödliche Folgen. In Jacob‘s Island in Bermondsey lebt damals die Randgruppe der Gesellschaft inmitten von Armut und Dreck. Hier haust seiner Zeit auch Maria Davis, eine 13-jährige Prostituierte, die das erste offizielle Todesopfer von Spring Heeled Jack wird.

Maria Davis wird von Augenzeugen gesehen, wie sie abends an einer Brücke entlang geht, die über den Folly Ditch und über Morast führt. Jack greift sie an, das Mädchen stürzt und  Jack hebt sie wieder vom Boden auf, um sie dann von der Brücke runter in den Schlamm des Sumpfes zu werfen. Eine Leiche wurde bis jetzt nicht gefunden.

Theorien

Während der darauffolgenden Jahre ereigneten sich immer wieder Angriffe. Im September 1904 erschien Spring Heeled Jack das letzte Mal und zwar auf der Spitze des Daches der Saint Francis Xavier-Kirche in Everton, nördlich von Liverpool. Zeugen berichteten, dass er plötzlich hinuntersprang und hinter einem nahe stehenden Haus landete. Als sie zu der Stelle stürzten, standen sie einem hoch gewachsenen, muskulösen Mann gegenüber, der vollständig in Weiß gekleidet war, einen eiförmigen Helm trug und dort wartete. Er lachte hysterisch über die Menge und stürzte auf sie zu. Mit einem gigantischen Sprung ließ er sie alle hinter sich und verschwand hinter den benachbarten Häusern. Dieses Ereignis gilt als das letzte Mal, dass Springer Heeled Jack gesehen wurde.

Doch was oder wer Springer Heeled Jack war, wurde nie geklärt. Die Theorien häufen sich natürlich. Henry, der Maquis von Waterford, war einer der wenigen Verdächtigen, verstarb jedoch 1859, ohne dass die Angriffe abbrachen. Dennoch wurde Spring Heeled Jack allgemein nicht als übernatürliche Kreatur angesehen, sondern als eine oder mehrere Personen mit einem makaberen Sinn für Humor.

Die hohen Sprünge, die über die Jahre immer enormer wurden, erklärten sich viele mit einer mechanischen Vorrichtung. Fraglich ist jedoch, ob tatsächlich ein Mann eine derartige Sprungvorrichtung an seinen Beinen oder Füßen hätte tragen können, die derartige riesige Sprünge nicht nur ermöglichen würde, sondern auch komfortabel genug waren, sie am Körper mitzuführen. Andere sahen in der Gestalt eine Massenhysterie, die in den Beschreibungen zu Übertreibungen führten. 

Doch auch paranormale Erklärungen begleiten die Legende von Jack. So wurde er als Dämon oder gar als Außerirdischer gesehen. Aber die wohl bekannteste Annahme ist, dass es sich bei ihm um einen sogenannter Phantom-Angreifer handelt.

Typische „Phantom-Angreifer“ scheinen menschlich zu sein und können als Kriminelle wahrgenommen werden, die jedoch außergewöhnliche Fähigkeiten aufweisen und/oder immer wieder den Behörden entgehen. Opfer erleben häufig den „Angriff“ in ihren Schlafzimmern, Häusern oder anderen scheinbar sicheren Örtlichkeiten. Sie berichten möglicherweise, dass sie wie festgenagelt oder gelähmt sind. Mad Gasser of Mattoon ist ein weiteres Beispiel für einen solchen Phantom-Angreifer. 

Spring Heeled Jack, ob menschlich oder nicht, ist auch noch heute eine bekannte Gestalt und findet sich in vielen Medien wieder. Unter anderem in der Skulduggery Pleasant Buchreihe, in der Serie Supernatural oder in dem Videospiel The Elder Scrolls IV: Oblivion.

Quellen:

BBC Legacies Myths and Legends

John Matthews: The Mystery of Spring-Heeled Jack (ISBN-13: 9781620554968)

Karl Bell: The Legend of Spring-Heeled Jack – Victorian Urban Folklore and Popular Cultures (ISBN-13: 9781783271917)

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