Europäische Geistergeschichten: Einst ein Ort der Heilung

Wer das Wort Geistergeschichten hört, denkt meist an Amerika. Kein Wunder. Viele Filme werben mit „Nach einer wahren Begebenheit“. Doch auch Europa hat so manche düstere Legende. Heute begeben wir uns nach Brandenburg in die Stadt Beelitz.

Eine kleine Stadt entsteht

Die Beelitz-Heilstätten waren einst Deutschlands Vorzeige-Klinik, doch wer den Namen heute hört, verbindet mit dem heruntergekommenen Ort gewisse Schrecken. Im Jahre 1898 kaufte die Landesversicherungsanstalt Berlin von der Stadt Beelitz ein etwa 140 Hektar großes Waldgelände. Hier sollte eine Lungenheilanstalt und ein Sanatorium entstehen.

Bei der Behandlung von Lungentuberkulose machte die Medizin gerade sehr gute Erfahrungen mit Kuraufenthalten in Ortschaften mit sauberer Luft. Ein von Wald umringte Heilanstalt erschien daher besonders passend. Bei dem Bau plante man bereits, einzelne Areale nach Geschlechtern zu trennen. Daher wurde westlich der Landstraße die Frauen-Heilstätten und -sanatorien, östlich derselben die Männer-Heilstätten und -sanatorien erbaut. Auch Betriebsgebäude wurden nach diesem Prinzip konzipiert. Waren überwiegend Frauen in diesen beschäftigt, lagen diese westlich von der Straße, während die Männer eher im östlichen Bereich beschäftigt waren. 

Im Frühling 1902 eröffnete die Heilstätte erstmals. Damals hatte sie eine Kapazität von 600 Betten, die jedoch aufgrund der ansteigenden Zahl von Lungenkranken schnell ihre Grenze erreichte. Daher wurde bereits 1904 beschlossen, die Anlage zu erweitern. Der sogenannte Beelitz Pavillon bot daher bereits im Jahr 1905 300 weitere Betten, Wirtschaftsräume, Aufenthaltsräume und Besuchszimmer. 

Für die Tuberkulosebehandlung setzte man damals auf Liegekuren und errichtete daher 250 und 350 Meter lange Liegehallen. Auch eine Kirche wurde dem Bau hinzugefügt und bot 200 Personen Platz für den Gottesdienst. 1903 wurde das zu den Heilstätten gehörende Heizkraftwerk, das Wasserwerk und eine „elektrische Licht- und Kraftanlage“ erbaut. Im Jahr 1907 wurden dem Gelände sogar noch sieben Mehrfamilienhäuser für Angestellte hinzugefügt. Am Ende des selbigen Jahres begann der Bau eines Postgebäudes. Es folgten eine eigene Bäckerei, Fleischerei und Anbauflächen für Obst und Gemüse.

Mit dem Krieg ändert sich alles

Am 3. August 1914 mussten alle transportfähigen Patienten entlassen werden. Das Klinikgelände wurde zu einem Vereinslazarett des Roten Kreuzes umfunktioniert. Während der Kriegszeit wurde 12568 Soldaten auf dem Gelände verpflegt. 1920 wurde aus dem Lazarett wieder die Lungenheilstätte. Doch es hatte sich etwas verändert.

Durch den Krieg und neue Gesetze kam es zu Kapazitätsengpässen. Daher wurde beschlossen, vorerst nur noch Frauen in die Heilstätte aufzunehmen. Im Jahr 1923 kam es durch die Inflation jedoch zu einem Aufnahmestopp und die Anlage stand für ein ganzes Jahr komplett  leer. Als 1924 die Heilstätte erneut eröffnet wurde, durften auch Männer wieder aufgenommen werden. Vier Jahre später war die finanzielle Lage wieder gut genug, um das Gelände auf fast 200 Hektar zu vergrößern. Auf den neu erworbenen Flächen wurde ein Krankenhaus für die chirurgische Behandlung erbaut. Außerdem wurde eine Ladenzeile mit sechs Geschäften errichtet.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Heilstätte schwer beschädigt und im Jahr 1945 von der Roten Armee übernommen. Bis 1994 war die Heilstätte das größte Militärhospital der sowjetischen Armee außerhalb der Sowjetunion. Und obwohl sich in dem Gebäude über die Jahre viele Dramen abgespielt haben und auch viele Personen ihr Leben verloren haben, ob durch Krankheit oder Krieg, ereignet sich das bekannteste Verbrechen in dieser Zeit. Im Jahr 1991 geschah ein grausamer Doppelmord, der aus dem einst bekannten Ort der Heilung eine künftige Attraktion des Horror-Tourismus machen sollte.

Morde und Unfälle

Die Frau eines sowjetischen Chefarztes verließ am 22. März das bewachte Gelände, um mit ihrem drei Monate alten Sohn im Wald spazieren zu gehen. Sie war nur 500 Meter von ihrem eigenen Wohnhaus entfernt, als sie auf den Serienmörder Wolfgang Schmidt, der in den Medien damals bereits als Rosa Riese bekannt war, traf. Er tötete Mutter und Kind und verging sich an der Leiche der Frau. Seit dem soll man nachts noch immer wimmernde Geräusche und Stimmen vernehmen können.

Nachdem die sowjetischen Streitkräfte abgezogen waren, verfiel das Gebäude. Während viele Touristen den Ort für einen schaurigen Kick besuchten, nutzte der Hobbyfotograf Michael F. die Ruinen 2008 als Kulisse für ein Fotoshooting. Er tötete das 20-jährige Model nach dem Shooting und verging sich mehrmals an der Leiche.

Im Mai 2010 stürzte ein 25-jährige Mann bei dem Besuch der Ruinen aus dem vierten Stock in den Tod. Nur wenige Tage später wurde ein weiterer Mann schwer verletzt geborgen. In der Folge kamen hier erste Gerüchte auf, dass es vor Ort spuke. Auch Gastwirte in der Nähe geben gerne die eine oder andere paranormale Geschichte zum Besten. 

Weg mit dem Grusel-Stempel

Beelitz will den Grusel-Stempel für die einst schöne Heilstätte nicht mehr. Daher wurde das Gelände durch einen Baumkronenpfad touristisch erschlossen. 250 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern und rund 400 Einfamilien-, Reihen- und Doppelhäuser sollen nun folgen und 2021 sollte bereits eine Kita mit 100 Plätzen den Betrieb aufnehmen. Ob die Heilstätten ihr Image jemals ganz abstreifen kann, ist ungewiss. Einige Bagger wurde während der Bauarbeiten nachts wohl mutwillig beschädigt. Ein Zeichen dafür, dass einige den schaurigen Ort gerne behalten hätten.

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